Montag, 22. Juli 2013

Gold: Geld oder Gut?


Im neuen ZE!TPUNKT (Nr. 126, Juli/August 2013), einer schweizerischen, zweimonatlich erscheinenden Zeitschrift »für intelligente Optimistinnen und konstruktive Skeptiker«, befasst sich Autor Geni Hackmann mit Gold – und verdammt es, wenn auch auf schweizerisch-freundliche Art, in Grund und Boden. Überschrift: »In der Disco zum goldenen Kalb«.

Manchmal ist es besser, einen Text, statt ihn im Detail zu zerpflücken, an einem entscheidenden Loch aufzuhängen – das ich bei diesem Text in den folgenden Sätzen verortet sehe, Zitat:
»Zum einen ist ein Tauschmittel, das in seiner Herstellung derart teuer ist, ein volkswirtschaftlicher Irrsinn. Zum anderen hat es nie genügend Gold, um den globalen Zahlungsverkehr zu sichern, geschweige denn, die Wertspeicherfunktion des Geldes zu gewährleisten.«
Geni Hackmann würfelt hier recht salopp die drei Funktionen durcheinander, die »Geld« immer hat. Was er mit diesen Sätzen wirklich gemeint hatte, ergab sich durch einen längeren E-Mail-Austausch, und um ihm gerecht zu werden, habe ich deshalb diesen Beitrag überarbeitet, die erste Version gelöscht und offeriere ihn hier neu.

Geld ist, siehe Wikipedia,

  • Zahlungsmittel: Geld als Geldmünze, als Geldschein.
  • Wertmaßstab/Recheneinheit: Geld als Geldeinheit, zum Beispiel 1 Schweizer Franken, ein Euro, ein US-Dollar, mit einer bestimmten Kaufkraft.
  • Wertaufbewahrung: Geld als Speicher für Vermögen.

Was davon ist Gold? Ist Gold überhaupt Geld? Und was ist ein Tauschmittel, von dem Geni Hackmann spricht?

Tauschmittel sind, wenn man in der Wikipedia nachschlägt, die Vorformen unseres heutigen Geldes. Salz gegen Brot, Kühe gegen Getreide, Gewürze gegen Waffen, Edelmetalle gegen Pferde. Gibt es diesen Tauschhandel heute noch? Können Sie einen Satz neuer Autoreifen erwerben durch Übergabe einer Unze Gold?

Ein Tauschmittel ist nicht Geld, es ist die Vorform von Geld. Tauschmittel sind werthaltige Güter, die im Direkttausch mit anderen Gütern ausgetauscht werden. Ist Gold heute noch ein Tauschmittel? Nein, definitiv nicht. Nicht nur, weil es so gut wie keinen Tauschhandel mehr gibt. Wir verkaufen unsere Güter vielmehr, erhalten einen Gegenwert in Form offizieller Zahlungsmittel, und mit diesen kaufen wir andere Güter ein. Ein Riesenfortschritt gegenüber alten Zeiten!

Gold ist aus dieser Sicht ein Gut wie jedes andere auch. Ich kaufe und bezahle es mit offiziellen Zahlungsmitteln, und wenn ich es wieder verflüssigen will, verkaufe ich es und erhalte den Gegenwert in Form offizieller Zahlungsmittel zurück.

Gold ist ein Gut, kein Tauschmittel.

Welche Rolle aber spielt Gold in den internationalen Währungsreserven? Die Zentralbanken horten eine Menge Gold. Zentralbanken haben offensichtlich etwas mit Geld zu tun. Ist Gold dann also doch Geld? Strenggenommen ja: wenn wir bei der Definition bleiben, dass Geld auch Wertspeicher sein kann. Das Gold der Zentralbanken ist Geld – im Sinne von Wertspeicher. So wie auch eine teure Gemäldegalerie »Geld« ist, im Sinne eines Wertspeichers!

Aber es ist klüger, von Gold nicht als Geld zu sprechen, sondern von einem werthaltigen Gut: das jederzeit in das gerade gewünschte Geld – Euro, Dollar, Yen – umgewandelt werden kann, durch Verkauf. Die Tresore der Zentralbanken sind in diesem Sinn nichts anderes als gut beschützte Wertspeicher. Gefüllt mit Gold, weil es leicht zu lagern, zu wiegen, wieder zu verkaufen ist: im Prinzip aber könnten in den Tresoren genauso gut die gesammelten Werke aller großen Meister liegen. Oder exorbitante teure Antiquitäten.

Der Grund, warum man sich für das Gut Gold entschieden hat, ist einsichtig: Für Gold gibt es immer einen Markt. Seit Menschengedenken. Für Antiquitäten, Bilder oder andere werthaltige Güter nicht.

Andererseits wird man das Konzept einer Währung, die sich auf Gold nur »bezieht« (»Währungskern«, Goldstandard), nicht noch einmal aus der Versenkung holen. Wer bislang Freude am Gelddrucken gehabt hatte (US-Dollar, Yen) oder zumindest an einer eher lockeren Geldpolitik (Euro) interessiert war, wird der letzte sein, der solch einer Wiederauflage überkommener Spielchen zustimmen würde.

Ja, einen Goldstandard, bei dem die umlaufende Geldmenge rückgekoppelt wurde mit einer vorhandenen Tonnage an Gold, gab es, mit verheerenden Folgen (1923/1930). Ihn wird es aber nie mehr geben. Warum? Wir haben uns weiterentwickelt! Zentralbanken und Regierungen haben längst erkannt, dass sie sich auf diese Weise nur strangulieren würden! Keine Ausweitung der Geldmenge mehr! Die Folge wären eine sofortige Deflation und Massenarbeitslosigkeit.

Was ein Euro, ein Schweizer Franken »wert« ist, muss natürlich der Markt entscheiden! Nicht eine Zentralbank, nicht eine Regierung! Ich wüsste nicht, wo außerhalb irgendwelcher spinnerter Esoterikzirkel solch ein Goldstandard wieder ernsthaft in Erwägung gezogen wird.

Wer das Thema vertiefen will, dem sei dieser Essay von FOFOA ans Herz gelegt. Und er behandelt den vielgehörten und auch von Geni Hackmann vorgetragenen Einwand, Gold könne irgendwann noch einmal »verboten« werden, gleich mit.

Und dann unterläuft Geni Hackmann noch ein leider ganz gravierender Denkfehler. Er sagt: »Es hat nie genügend Gold, um (…) die Wertspeicherfunktion des Geldes zu gewährleisten«. Wirklich nicht? Eine Unze Gold hat also einen Wert X. Und da draußen gibt es ein Vermögensvolumen von Y. Und dieses X und dieses Y passen nicht zusammen? »Zu wenig Gold«?

Wieso denn? Weiß denn irgendjemand, welchen Wert Gold »an sich« hat? Woran will man den Wert von Gold anders festmachen als einzig und allein daran, welchen Wert wir Menschen ihm zumessen? Etwa an seinen Förderkosten? Nach dieser Logik wäre dann auch ein Rembrandt-Gemälde in etwa so viel wert, wie der alte Meister damals Stunden, Farbe und Leinwand »investiert« hatte.

Nein. Gold zeichnet sich dadurch aus, dass es, sobald es die Erde verlassen hat, keinerlei »Wert an sich« besitzt (die wenigen Prozent industriellen Verbrauches übergehen wir hier großzügig, sie fallen bei dieser Überlegung nicht ins Gewicht). Gold ist »wertlos«, erst einmal. Zu nichts nutze.

Seinen »Wert« erhält es erst dadurch, dass wir Menschen in ihm ein überaus praktisches Mittel erkannt haben, (a) unsere Werte aus dem herrschenden Geldsystem heraustragen zu können (ganz ähnlich wie beim Kauf eines Rembrandt, eines Diamanten, eines alten Bugatti oder einer seltenen Briefmarke) und (b) den nun in das Gold gesteckten Wert über lange Zeit dort unverderblich aufbewahren zu können. Unverderblich, leicht unterteilbar (bei Diamanten ganz schlecht) und vor allem weltweit von jedermann geschätzt (gilt das auch für Briefmarken?) und damit weltweit liquide.

Das heißt: Wenn ich Gold kaufe, bewege ich Vermögen nicht nur in einen »sicheren Hafen«, sondern ziehe es komplett an Land: entferne es von allen Fährnissen, denen es sonst durch die Brandung der Konjunktur, durch die Stürme der Währungen und durch die Angriffe hungriger Meeresgiganten (Regierungen) ausgesetzt wäre.

Für diese dritte Funktion, die Geld immer hat – langfristiger Wertspeicher zu sein –, ist Gold immer genügend vorhanden! Weil es knapp ist, weil es andererseits aber auch in genügend großer Menge vorliegt (heute sind es 150 bis 160 Tsd. Tonnen), um jeden beliebigen Vermögensspeicherwunsch abbilden zu können. Wachsen die Sparwünsche, steigt einfach der Preis, fertig! Die vorhandene Menge an Gold ist immer ausreichend.

Entscheidend ist nur: Will man ein Geld, das alle drei Funktionen gleichzeitig erfüllen soll, wie es derzeit alle Fiat-Währungen für sich in Anspruch nehmen? Will man einen Vermögensspeicher, der regelmäßig an Wert verliert, weil er währungsabhängig und damit politikabhängig ist? Oder will man Geld, das Zahlungsmittel und Wertmaßstab ist, und daneben ein restlos entmonetarisiertes »Nicht-Geld«, das ausschließlich die Wertspeicherfunktion bisherigen Geldes übernimmt, nämlich Gold?

Glücklicherweise werden wir diese Entscheidung gar nicht mehr zu treffen haben. Das System steuert inzwischen von selbst darauf zu, nachdem es in den 1960er Jahren entsprechend auf den Weg gebracht worden war. Das legen jedenfalls die Indizien nahe, die im Blogspot FOFOA seit 2008 ausgebreitet worden sind.

Und damit komme ich zum Schluss: Warum haben die europäischen Zentralbanken vereinbart, kein Gold mehr zu verkaufen? Warum horten sie Gold? Nicht, um Gold zum »Währungskern« einer neuen Währung zu machen, wie Hackmann spekuliert. Zitat:
»Das Blasengeld mit dem Dollar als zentrale Heissluftpumpe wird platzen und ein neues System mit Gold als Währungskern wird an seine Stelle treten.«
Ja, der Dollar wird »platzen«. Das »neue System« aber, das hier angesprochen wird, steht längst in den Startlöchern. Der Euro. Er besitzt diesen Kern, in beachtlichem Ausmaß. Ca. 10.000 Tonnen Gold. Aber eben nicht im Sinne und zugunsten eines künftigen »Goldstandards«, sondern als Währungsreserve! Sprich: Kollabiert die Weltleitwährung Dollar, ist das Eurosystem immer noch handlungsfähig, weil es Zahlungsverpflichtungen intern und gegenüber dem Ausland nunmehr mit Hilfe seiner währungsunabhängigen Goldreserve abwickeln kann.

Jemand sagte einmal: Die eigentliche Funktion des Euro wird erst sichtbar werden, wenn der Dollar seine Funktion als Weltleit- und Weltreservewährung verloren hat.

Seine Goldreserve fehlt dem US-Dollar bzw. der Fed in dieser Form gänzlich. Das Gold, das die Fed einst besaß, hat sie aus guten Gründen – es gehörte ihr nämlich nicht, es war größtenteils gestohlen – dem Schatzamt der US-Regierung vermacht, gegen billigste Papiere, die die Unze Gold zu 42,22 US-Dollar eingepreist haben, bis heute!

Ja, das Dollarsystem geht, nach 100 Jahren, die es dieses Jahr alt werden wird, seinem Ende entgegen. Zu viele Schulden stecken in dieser Währung, zu wertlos sind seine Scheine geworden. Es wird diese Funktion, Weltleitwährung und Weltreservewährung zu sein, nicht mehr lange aufrechterhalten können. Übernehmen muss dann eine andere Währung – die stabiler ist und über respektable währungsunabhängige Reserven verfügt. Über Gold.

Wie der Privatmann oder die Privatfrau, die sich etwas zur Seite legen, für eine »Zeit später«. Legen sie ihr Vermögen direkt oder indirekt in Dollar an, haben sie keine Sicherheit. Inflation! Währungskollaps!

Und auch das in Euro angelegte Vermögen ist vor Wertverlust nicht gefeit. Mit der geplanten Finanztransaktionssteuer, um nur ein Beispiel zu nennen, werden, wie die FAZ am 19. Juli zu berichten wusste, die staatlichen Zuschüsse mehr als aufgefressen! Zehn Prozent Einbuße!

Gold hingegen wird seit Jahrtausenden als währungsunabhängiger Vermögensspeicher hochgeschätzt. Und wird auch nach einem Währungsschnitt wieder geschätzt werden. Es ist ohne Alternative: für Vermögen, das liquide bleiben soll. Also für alles Geld, das übrig bleibt, nachdem Sie für Ihr Wohl und das Ihrer Familie und Freunde gesorgt haben.

Es grüßt Sie,
ein anderer