Dienstag, 19. März 2013

Die Gefährlichkeit der Wachsamkeit

In einem beherzten Artikel bezichtigt sich Dr. Dietmar Siebholz der Dummheit: Zu lang habe er nur geschrieben, statt die Ratschläge, die er zu geben hat, für sich selbst in die Tat umzuwandeln.

Nun, die »Dummheit« war sicher augenzwinkernd gemeint. Ich glaube nicht, dass solch ein Urteil auch nur im Entferntesten angemessen wäre. Und doch war ich mit einem Punkt ganz und gar nicht zufrieden.

Ich hatte eine freie Minute und wollte ihm schreiben: dachte aber dann, dass meine Überlegungen auch für potentielle Leser interessant sein könnten. Deshalb schreibe ich ihm hier:

Sehr geehrter Herr Dr. Siebholz!

Ich stimme Ihrem Artikel an vielen Stellen zu. [Man merkt, ich bin bei Frau Merkel in die Schule gegangen ;) Immer schön diplomatisch bleiben!]

Aber: Mit Ihrem Schlusswort – »In diesem Sinne: Bleiben Sie wachsam…« – bin ich nicht einverstanden. Diesem Rat zu folgen wäre IMHO nun tatsächlich eine Dummheit ;)

Sie werden zurückfragen: »Was ist daran falsch, wachsam zu sein?«
Meine Antwort: alles.
Ich möchte das kurz begründen.

»Wachsamkeit« heißt untätig sein. »Wachsamkeit« bedeutet, in Warteposition zu bleiben statt sofort zu handeln, die Szenerie zu beobachten statt Entscheidungen zu treffren, auf ungewöhnliche Rauchzeichen zu achten statt zu akzeptieren, was im Großen und Ganzen längst die Spatzen von den Dächern pfeifen: Die Zeit zu handeln ist jetzt.


Im Fall unseres Finanzsystem halte ich Wachsamkeitsratschläge deshalb für höchst gefährlich.

Zwei Szenarios sollen das verdeutlichen.

(1)
Der Anleger ist in Gold-Futures investiert. Über Nacht entziehen ein oder mehrere big player diesen Derivate-Werte ihre Unterstützung. (Das kann tausenderlei Gründe haben.) Ihr Leser – wachsam! – wacht am nächsten Morgen auf, sieht den drastisch gesunkenen GLD-Preis und will nun fix aussteigen und in physisches Gold investieren. Wie lange, glauben Sie, wird es dauern, bis die Goldbanken sagen müssen »sold out«? Wochen? Tage? Es werden Stunden sein. Ein paar wenige Glückliche können noch zuschlagen. Der überwältigende Rest der Interessenten aber wird in die Röhre schauen und weinen.

(2)
Der Anleger ist in allerlei Papier investiert: Aktien, Lebensversicherungen, Riesterprodukte, Sparbücher, sonstige Geldkonten. Und er denkt: »Wenn’s brenzlig wird, steige ich da aus und transferiere mein kleines [oder größeres] Vermögen dann doch mal ganz ins Gold, in echte Münzen und Barren. Wenigstens für kurze Zeit, bis sich der Sturm wieder gelegt hat!«
Wie lange, glauben Sie, wird es dauern, bis die Münzhändler – online wie offline – ihm werden sagen müssen »sold out«? Wochen? Tage? Es werden Stunden sein. 


Abgesehen davon, dass die Auflösung von Papieren nicht ganz so fix geht, wie man das oft meint. Barabhebungen größeren Umfangs müssen mindestens 24 Stunden vorher avisiert werden. Dito Sparbücher, die oft sogar einer wochen- oder gar monatelangen Kündigungsfrist unterliegen. Erst Recht Versicherungen und Riesterprodukte. 

Und dann die Anleihen! Bundesanleihen, die ich aufzulösen hatte, waren an die Klausel gebunden, dass pro Monat (!) nur jeweils 15.000 (fünfzehntausend) Euro ausbezahlt werden können, pro Person! Hat jeder Anleger so viele Vertrauenspersonen, denen er entsprechende Anteile schnell übertrragen kann, damit diese für ihn kündigen? Vielleicht wollen diese Menschen ihr eigenes Limit selber nutzen?

Schon unter diesen wenigen Spots auf die gegenwärtige Lage folgt:

Wer zu dem Schluss gekommen ist, dass das Finanzsystem ernsthaft wackelt – und zu diesem Schluss kann in Europa eigentlich nun jeder gekommen sein, seit 2008 –, sollte nicht länger »wachsam« sein, sondern sofort handeln. Alle Kündigungen in die Wege leiten. Den ganzen Papierkram in Angriff nehmen. Und jeden freigesetzten Euro ohne Verzug in physisches Gold wandeln: umstellt mit etwas Silber, um das Gold zu schützen. (Warum nicht 1:1, bezogen aufs Gewicht? Für eine Unze Gold eine Unze Silber.)

Denn wenn erst enmal alle auf den Trichter kommen, wird das Gold schneller vom Markt verschwunden sein, als wir den Bestellbutton drücken können. Oder sein Preis wird astronomisch sein – was wir lieber antizipativ mitnehmen. Statt schon vorher ein Opfer zu werden.



Das dies keine Finanzberatung ist, versteht sich von selbst. Meine Weltsicht! Mehr nicht.


Mit freundlichen Grüßen
ein anderer

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